Die CE-Konformität einer Maschine hängt maßgeblich davon ab, welche Normen der Hersteller anwendet. Die europäischen Normen für Maschinensicherheit sind in drei Typen gegliedert: A, B und C. Jede dieser Kategorien erfüllt einen spezifischen Zweck und hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Konformitätsbewertung. Für Konstrukteure ist es entscheidend, die Hierarchie und den Anwendungsbereich dieser Normen zu verstehen, um rechtssichere Maschinen zu entwickeln.
Die drei Normen-Typen im Überblick
Die Normenhierarchie ist pyramidenförmig aufgebaut, wobei Typ-C-Normen die detailliertesten und für eine konkrete Maschine maßgeblichsten Vorgaben enthalten.
Typ A: Grundlegende Sicherheitsnormen
Typ-A-Normen bilden die oberste Ebene. Sie definieren allgemeine Prinzipien und Gestaltungsleitsätze, die für alle Maschinen gelten. Diese Normen legen beispielsweise fest, wie Risikobeurteilungen durchzuführen sind oder welche grundsätzlichen Sicherheitsanforderungen zu beachten sind. Ein zentrales Beispiel ist die EN ISO 12100, die sich mit Risikobeurteilung und Risikominderung befasst. Typ-A-Normen sind abstrakt gehalten und bieten keine maschinenspezifischen Lösungen.
Typ B: Fachgrundlegende Sicherheitsnormen
Typ-B-Normen behandeln spezifische Sicherheitsaspekte oder Schutzeinrichtungen, die für viele Maschinenarten relevant sind. Sie sind unterteilt in:
- Typ B1: Normen für bestimmte Sicherheitsaspekte wie Sicherheitsabstände, Lärm oder Vibrationen.
- Typ B2: Normen für Schutzeinrichtungen wie Zweihandschaltungen oder Verriegelungen.
Diese Normen konkretisieren die allgemeinen Vorgaben der Typ-A-Normen, bleiben aber weiterhin maschinenübergreifend anwendbar.
Typ C: Maschinenspezifische Sicherheitsnormen
Typ-C-Normen sind die detaillierteste und für den Hersteller wichtigste Ebene. Sie enthalten konkrete Sicherheitsanforderungen für eine bestimmte Maschine oder Maschinengruppe, beispielsweise für Hydraulikbagger oder Verpackungsmaschinen. Ein zentraler Vorteil: Bei Abweichungen zwischen einer Typ-C-Norm und einer Typ-A- oder Typ-B-Norm haben die Spezifikationen der Typ-C-Norm Vorrang. Sie konkretisieren oder ersetzen damit die allgemeineren Regeln.
Harmonisierte Normen: Definition und Prüfung
Nicht jede Norm ist automatisch für die CE-Konformität relevant. Entscheidend sind die sogenannten harmonisierten Normen.
Was ist eine harmonisierte Norm?
Eine harmonisierte Norm ist eine europäische Norm (EN), die von einer offiziellen Normungsorganisation wie CEN oder Cenelec im Auftrag der EU-Kommission erstellt wurde. Ihr großer Vorteil: Wendet der Hersteller sie an, vermutet der Gesetzgeber, dass die Maschine die von dieser Norm abgedeckten grundlegenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen erfüllt. Diese Konformitätsvermutung vereinfacht den Nachweis der CE-Konformität erheblich. Die Anwendung harmonisierter Normen ist freiwillig – alternativ muss der Hersteller die Sicherheit auf andere Weise nachweisen, etwa durch eigene Risikobeurteilungen oder Gutachten.
Einschränkungen der Konformitätsvermutung
Auch harmonisierte Normen sind nicht immer uneingeschränkt gültig. Der EU-Beschluss, der die Harmonisierung einer Norm festlegt, kann bestimmte Sicherheitsanforderungen von der Konformitätsvermutung ausnehmen. Diese Einschränkungen sind im Amtsblatt der Europäischen Union (ABl.) aufgeführt und müssen vom Hersteller beachtet werden.
Prüfung: Ist eine Norm harmonisiert?
Die einzige verbindliche Quelle für harmonisierte Normen ist das Amtsblatt der Europäischen Union. Die EU-Kommission veröffentlicht dort regelmäßig die aktuellen Fundstellen der harmonisierten Normen. Hersteller und Konstrukteure sollten diese Veröffentlichungen regelmäßig prüfen, um sicherzustellen, dass sie die richtigen Normen anwenden.
Die neue Maschinenverordnung (EU) 2023/1230
Seit dem 29. Juni 2023 ist die neue Maschinenverordnung (MVO) in Kraft. Sie wird die bisherige Maschinenrichtlinie (2006/42/EG) ab dem 20. Januar 2027 vollständig ersetzen. Die Übergangsphase bietet Herstellern die Gelegenheit, sich mit den neuen Anforderungen vertraut zu machen.
Wichtige Änderungen im Überblick
Die neue Verordnung bringt einige wesentliche Neuerungen mit sich:
- Rechtsform: Die Maschinenrichtlinie war eine Richtlinie, die in nationales Recht umgesetzt werden musste. Die neue Maschinenverordnung ist unmittelbar geltendes EU-Recht und bedarf keiner nationalen Umsetzung.
- Konformität: Bisher basierte die Konformität auf harmonisierten Normen zur Maschinenrichtlinie. Ab 2027 werden neue harmonisierte Normen spezifisch für die Maschinenverordnung erstellt und im Amtsblatt gelistet.
- Kategorien: Die bisherige Unterteilung in Anhang IV (z. B. für Pressen) wird durch eine neue Einteilung in Teil A (zwingend mit Benannter Stelle) und Teil B (ähnlich wie bisher) ersetzt.
- Neue Anforderungen: Die Maschinenverordnung enthält erweiterte Pflichten zu Cybersicherheit und Künstlicher Intelligenz (KI) für sicherheitsrelevante Funktionen.
Handlungsbedarf für Hersteller
Die aktuelle Übergangsphase bis Januar 2027 sollte genutzt werden, um sich mit den neuen Anforderungen vertraut zu machen. Die EU-Kommission arbeitet bereits an der Überführung der bestehenden harmonisierten Normen auf die neue Verordnung. Hersteller sollten prüfen, ob ihre Maschinen von den Änderungen betroffen sind und welche neuen Normen künftig anzuwenden sind.
Fazit: Normenarten richtig anwenden
Die Unterscheidung der Normenarten A, B und C ist kein theoretisches Konstrukt, sondern hat direkte Auswirkungen auf die CE-Konformität einer Maschine. Typ-C-Normen bieten die konkretesten Vorgaben und haben Vorrang vor allgemeineren Normen. Harmonisierte Normen erleichtern den Nachweis der Konformität, müssen aber sorgfältig geprüft werden. Mit der neuen Maschinenverordnung kommen zusätzliche Anforderungen auf Hersteller zu, insbesondere im Bereich Cybersicherheit und KI. Die Übergangsphase bis 2027 sollte genutzt werden, um sich auf die neuen Regelungen vorzubereiten und die Konformität der Maschinen sicherzustellen.